++++ 2025-12-27 ++++ Batterie oder
Wasserstoff, was setzt sich als Energiequelle bei zukünftigen Schienenfahrzeugen
durch
Über drei Jahre sind vergangen seit unserem letzten Artikel über das Thema
Wasserstoff versus Batterie bei der Energiespeicherung bei Schienenfahrzeugen - Zeit für eine Bestandsaufnahme.
Es waren zwei Meldungen dicht hintereinander von einem Hersteller
und über einen Zug.
Am 16.12.2025 wurde berichtet, dass Siemens 62 batterieelektrische
Mireo nach Nordrhein-Westfalen liefern wird.
Kurz darauf eine Meldung des Bayerischen Rundfunks (BR) am 18.12.2025:
Die Teststellung beim Wasserstoff- Triebzug von Siemens, dem Wasserstoff- Mireo läuft nicht so rund wie gedacht.
Die Bilanz des Bayerischen Verkehrsministeriums: "sehr
störanfällig". Hersteller Siemens Mobility spricht von "technischen
Herausforderungen". Einer der Triebzugführer: "Wir sind mehr nicht
gefahren, als gefahren".
Damit reihen sich die Erfahrungen in Bayern in das ein, was andere Betreiber und andere Hersteller
wie Alstom oder CAF mit der Wasserstofftechnik gemacht haben.
Kurz zusammengefasst: kompliziert, störanfällig und teuer.
Fairerweise muss gesagt werden: bei der Einführung von neuer Technik kommt es immer zu
Geburtsschmerzen und zum Zahlen von "Lehrgeld" während man die Lernkurve erklimmt.
Insofern sind Test- und Pilotstellungen wichtig und richtig.
Dass am Anfang alles rund läuft, ist ohnehin nicht zu erwarten.
Dazu kommen im Bahnbetrieb die besonderen Anforderungen wie
beispielsweise häufige Lastwechsel, insbesondere im Regional- und Nahverkehr.
Dazu noch eine herausfordernde Geographie, wie bei der Alstom-Teststellung für Wasserstoffzüge im Taunus rund um Frankfurt.
Es sind aktuell zahlreiche Pilotprojekte und Teststellungen rund um den Globus aktiv, um die Wasserstofftechnik im Schienenverkehr zu
testen und weiterzuentwickeln (siehe Übersicht rechts).
Die Alternative lautet Batterie- Triebzüge. Hier ist der Reifegrad
auf der Zell- und Systemebene deutlich höher, die Hersteller
scheinen die Technik mittlerweile im Griff zu haben, wie zunehmende Bestellzahlen bei
den verschiedenen Herstellern zeigen.
Batterie- Triebzüge sind seit einigen Jahren Stand der Technik und ersetzen zunehmend die Diesel-Triebzüge.
Und auch das Manko mit der im Gegensatz zu Diesel oder Wasserstoff geringen Reichweite, bekommt man mit der Nachladefähigkeit unter
Draht und notfalls auch "Elektrifizierungsinseln" wie in Schleswig-Holstein pragmatisch in den Griff.
Dadurch kann auch bei Batteriezügen ein herausforderndes Betriebsprogramm ohne zusätzliche Stillstands-
und Ladezeiten tagsüber gemeistert werden.
Und auch beim Schwerlast- LKW scheint sich die Grenze dessen, was mittels Batterie abdeckbar ist, weiter nach oben zu verlagern.
So weit, dass auch dieser ursprünglich dem Wasserstoff zugeschriebene Einsatzbereich mit dem Fortschreiten der Batterietechnik, seien es Kosten, Energiedichte
oder inhärente Sicherheit der Zelltechnologie, wegfällt.
Wo steht die USA ?
Auch wenn die Tier 1 - Bahngesellschaften weiterhin bemüht sind ihren spezifischen Verbrauch
und den CO2 - Ausstoss zu reduzieren, wird der Dieselmotor
absehbar die Antriebsquelle der Wahl bleiben.
Auch wenn dieser ausentwickelt und in seinem thermodynamischen Wirkungsgrad nicht mehr nennenswert steigerbar ist.
Um den Wasserstoff als Energiequelle ist es etwas ruhiger geworden, statt dessen nehmen Batterieloks einen immer breiteren Raum ein.
Vor allem skaliert man dort mit beachtlicher Geschwindigkeit die Akkugrößen. Und in den USA ist bekanntlich ohnehin alles ein wenig größer.
War man anfangs der 2020er Jahre bei Wabtec gerade einmal bei 3 MWh Kapazität angelangt und die erste Akkulok durfte nur in einer betrieblich und
topgraphisch passenden Teststellung mitfahren, so sind wir aktuell in der Mitte des Jahrzehnts beim Hersteller Wabtec bei 7 MWh angelangt.
Eine Caterpillar-Tochter in Brasilien lieferte dieser Tage gar einen Achtachser mit 13,7 MWh Kapazität an ein Bergbauunternehmen in Australien.
Im Vergleich dazu nehmen sich die 0,64 MWh einer eben
angekündigten EURO9000 von Stadler geradezu spielzeughaft aus, wenn diese Ende des Jahrzehnts auf die
Schiene gesetzt wird, auch wenn perspektivisch bereits eine 1,2 MWh-Variante in Aussicht gestellt wird.
Allerdings ist ein Vergleich Europa/ USA etwas unfair, denn die Randbedingungen (z.B. Elektrifizierungsgrad des Netzes) und die Aufgaben (z.B. Bedienen
von nichtelektrifizierten Anschlussgleisen und Terminals) sind grundlegend anders und erfordern unterschiedliche Lösungsansätze
und Auslegungen.
Allerdings sind Akkuloks, auch wenn der Akku zukünftig noch größer ist, für die Weiten des amerikanischen Kontinents absehbar keine Lösung.
So gesehen wäre hier der Weg für den Wasserstoff frei.
Und genau hier beginnt das nächste Problem, denn im Oktober 2025 kündigte GM, der Partner von Wabtec, an die Entwicklung von Brennstoffzellen für den Automobilbereich einzustellen.
Auch der Autohersteller Stellantis gab einige Monate zuvor einen ähnlichen Rückzug bekannt.
Sicherlich auch der politischen Grosswetterlage geschuldet, aber auch das Eingeständnis, dass die Wasserstofftechnik zumindest im
Automobilbereich ein totes Pferd ist, von dem man absteigen sollte.
Solche Abrisse sind für die gesamte Branche auch jenseits des Strassenverkehrs verheerend, denn damit wird es keine weiteren
Synergien mehr aus dem volumen- und finanzstärkeren Automobilsektor geben.
Ausserdem ist der Automobilsektor ein zuverlässiger Subventionsempfänger.
Erst im November 2025 erhielt BMW eine 273 Millionen teure Subventionsspritze, weil man als letzter deutscher
Automobilhersteller zusammen mit Toyota eisern am Wasserstoff festhält und für 2028 mit dem iX5 ein Serienmodell auf den Markt bringen will.
Ob es unternehmerischer Mut ist oder ob es ein weiteres Lehrbeispiel für "Sunk Cost Facllacy" *) wird, wird die nahe und mittlere Zukunft zeigen.
Aber da ist noch Kanada - und hier tut sich Erstaunliches
Dort ist man unabhängig von den Befindlichkeiten und Verbohrtheiten des südlichen Nachbarn und steht hinsichtlich
des Wasserstoffeinsatzes im schweren Güterverkehr technisch an der Spitze der Entwicklung.
In Kanada hat die CPKC (Canadian Pacific Kansas City) ein sehr ehrgeiziges und weltweit einzigartiges Programm zur mittelfristigen Dekarbonisierung seines
Schienen- Güterverkehrs aufgelegt.
Zentrales Entwicklungsprojekt ist die CP1200, eine sechsachsige Wasserstofflokomotive mit einem vierachsigen Wasserstofftender.
Die Brennstoffzellenmodule werden von Ballard Power Systems geliefert (200 kW- Module) - praktischerweise vom Weltmarktführer der im eigenen Land sitzt.
Mittlerweile hat man den Prototypen im operationellen Probebetrieb.
Wir dürfen gespannt sein, wie sich die Dinge in Kanada weiter entwickeln.
Themen und Problemstellungen rund um den Wasserstoffeinsatz gibt es genügend, die gelöst werden müssen:
- Reichweite
- Winterbetrieb
- Betankung
- Wartungsaufwand
- Sicherheitsthemen
- Kostenvergleich vs. Diesel
Die Prognose für die absehbare Zukunft sieht dann so aus:
- Triebwagen im Regionalverkehr werden eine Domäne der sich weiter rasch entwickelnden Batterietechnik werden. Die mit Batterietechnik
erzielbaren Reichweiten werden steigen.
- Last Mile (In Europa) wird ebenfalls der Batterie gehören.
- Der schwere Güterverkehr über lange Strecken wird die Domäne des Wasserstoffs oder auch von alternativen Kraftstoffen bleiben.
- Alles dazwischen wird "fallweise" entschieden, je nach Einsatzprofil, verfügbarer Technik, politischen und regulatorischen
Vorgaben.
*) Sunk Cost Fallacy
(dt. "Versunkene-Kosten-Falle") ist eine psychologische Tendenz, an einer Entscheidung festzuhalten oder
weiter in ein Projekt zu investieren, einfach weil bereits viel Zeit, Geld oder Mühe investiert wurde, obwohl dies rational nicht
mehr sinnvoll wäre, weil die Kosten unwiederbringlich sind (sunk costs).
Man wirft quasi "gutes Geld schlechtem hinterher" in der Hoffnung, das Verlorene zurückzugewinnen, anstatt die Entscheidung basierend auf zukünftigem Nutzen zu treffen.
Dies führt zu irrationalen Entscheidungen, etwa ein todgeweihtes Projekt fortzusetzen oder eine gescheiterte Investition nicht abzustoßen.
|
62 auch unter Oberleitung betreibbare Batteriezüge von Siemens werden zukünftig im nördlichen Nordrhein-Westfalen um Bielefeld
herum das Rückgrat des Nahverkehrs sein.
Bild: Siemens
Wasserstoff als Antriebsquelle für die Fortbewegung zu nutzen, daran sind Industrie und Forschung schon seit Jahrzehnten dran - wie ein
Werbeprospekt der Daimler-Benz AG aus dem Jahre 1984 zeigt.
Von einer Serienproduktion für Straßenfahrzeuge ist man heute weiter denn je entfernt, denn längst hat die mittlerweile ausgereifte Batterietechnik den
Wasserstoff als Energiequelle bei PKW, Bussen und selbst bei schweren LKW übernommen.
Weltweit wird derzeit an der Wasserstofftechnik gearbeitet und diese in Teststellungen für den Einsatz im
Schienenverkehr erprobt.
Das Australische Bergbauunternehmen Fortesque setzt seit 2025 auf
die Batterietechnik.
Ihre Akkuloks mit 13,7 MWh Batteriekapazität und 8 Achsen sind derzeit das Maximum was technisch machbar ist.
Die Australier haben dafür ein passendes Fahrprofil.
Die schweren Erzzüge laden bei der Fahrt zum Verladehafen im Gefälle die Batterien auf.
Dies reicht dann (fast) für die Bergfahrt des leeren Zuges zurück zur Mine.
Die Australier schätzen die Einsparung auf ca. eine halbe Million Liter Diesel pro Lok und Jahr.
Die Lokomotiven wurden bereits 2022 bestellt und wurden von Progress Rail, einer Caterpillar-Tochter aus Brasilien geliefert.
Bild: Fortesque
Die Konkurrenz in Form des Platzhirsches Wabtec (USA) schläft nicht.
Auch beim Minenunternehmen BHP setzt man auf Akkuloks in einer ähnlichen Anwendung in Westaustralien, wo Erzzüge von Pilbara zum Hafen Hedland befördert werden.
Die ersten Loks wurden ebenfalls 2025 geliefert.
In dieser Anwendung liegt die Kapazität der Batterie bei 7 MWh.
Diese wird ebenfalls hauptsächlich durch Rekuperation während der Talfahrt zum Hafen aufgeladen.
Bild: Wabtec
CPKC - Langstrecken-Güterzuglok CP1200 mit Wasserstofftender.
Da die H2 - Speicher an Bord einer Lok für die Langstrecke nicht ausreichen, nutzt CPKC einen
vierachsigen Wasserstoff-Tender, der zusätzliche Kapazität für Wasserstoff und Betankungssysteme bietet.
Der Tender ist so ausgelegt, dass er den komprimierten Wasserstoff transportiert und als mobile Betankungs-/ Versorgungsquelle dient.
Bild: CPKC
Warum entwickeln sich die Dinge bei Batterieanwendungen gerade so rasant:
Ähnlich wie bei der Solarenergie, haben die Batteriespeicher in den
beiden letzten Dekaden eine atemberaubende Preisdegression hinter sich, so
dass sich immer mehr (speziell grosstechnische) Anwendungen mit Batterien rentieren.
Ein Ende dieser Entwicklung ist (noch) nicht absehbar, auch was die volumetrischen und gravimetrischen Leistungsdichten der Batterien angeht.
|